Wenn der Gerichtssaal zum Ausnahmezustand wird: Was Gerichtsdolmetschen wirklich bedeutet

Es gibt Strafverfahren, die man nicht vergisst. Nicht wegen des Urteils und nicht wegen der Presseberichte, die sie nach sich ziehen. Sondern wegen dem, was sich im Gerichtssaal selbst abspielt: die Spannung, die man körperlich spürt; die Worte, die man präzise übertragen muss, auch wenn sie bedrohlich sind; die Verantwortung, als einzige Verbindung zwischen dem Angeklagten und der Justiz zu fungieren.
In den vergangenen Monaten war ich als beeidigter Dolmetscher in einem Strafverfahren vor dem Amtsgericht Jena tätig, das in der Thüringer Regionalpresse für Aufmerksamkeit sorgte. Ein Angeklagter mit mindestens fünfzehn verschiedenen Identitäten, Vorwürfe wegen gefährlicher Körperverletzung, Bedrohung und Angriffen auf Vollstreckungsbeamte — und ein Vorfall im Saal, der alle Beteiligten erschütterte: Der Angeklagte zog während einer Verhandlung eine halbe Rasierklinge aus dem Mund und verletzte sich selbst.
Ich war an fast zwanzig Verhandlungstagen dieses Verfahrens anwesend. Was folgt, ist keine Zusammenfassung des Falls — den haben die Kollegen der Ostthüringer Zeitung bereits ausführlich dokumentiert. Es ist eine Reflexion darüber, was Dolmetschen unter extremen Bedingungen bedeutet und warum die spezifische Qualifikation eines Gerichtsdolmetschers kein formaler Akt ist, sondern eine Notwendigkeit.
Ein Verfahren der besonderen Art
Das Verfahren erstreckte sich vom Sommer 2025 bis Juni 2026. Der 29-jährige Angeklagte erschien mit vierzehn verschiedenen Aliasnamen in der Anklageschrift; eine Interpol-Ermittlung anhand der Fingerabdrücke ergab einen fünfzehnten. Diese Ausgangslage stellt den Dolmetscher bereits vor eine ungewöhnliche Frage: Wie übersetzt man die Identität eines Menschen, der keine — oder keine einzige — haben will?
Im Verlauf der Verhandlungen steigerte sich die Erregung des Angeklagten sitzungsweise. Es gab Momente, in denen seine Äußerungen — an das Gericht, an Zeugen, an die Anwesenden im Saal — die Grenze zur direkten Bedrohung berührten. Meine Aufgabe war es, diese Worte genau und unverfälscht zu übertragen: ohne Abschwächung, ohne Eskalation. Das schreibt der Beeidigungseid vor: Treue gegenüber der Botschaft, nicht gegenüber dem Komfort der Zuhörenden.
Der Vorfall mit der Rasierklinge — in der Presse ausführlich dokumentiert — markierte eine Zäsur. Der Vorsitzende Richter Frank Hovemann verschärfte daraufhin die Sicherheitsvorkehrungen erheblich. Der Angeklagte blieb fortan an Händen und Füßen gefesselt; auch Verteidiger und Dolmetscher saßen auf Abstand. Die Atmosphäre im Saal war in einer Weise angespannt, die ich in über zwanzig Jahren Berufstätigkeit selten erlebt habe.
Was Dolmetschen in einem solchen Verfahren bedeutet
Gerichtsdolmetschen bedeutet nicht, Wörter zu übersetzen. Es bedeutet, Sinn in Echtzeit zu übertragen, innerhalb eines präzisen Rechtsrahmens, mit realen Konsequenzen für reale Menschen. Jede Wortwahl hat prozessuales Gewicht. Eine nicht aufgelöste Ambiguität kann eine Zeugenaussage belasten oder die Beweiswürdigung verzerren.
Die spezifische Rechtsterminologie: Der § 323a StGB — der Vollrausch-Paragraf — hat kein unmittelbar übersetzbares Äquivalent im spanischen Rechtssystem. Die korrekte Übertragung erfordert juristisches Fachwissen und bisweilen eine knappe Erläuterung gegenüber dem Gericht.
Die Kommunikation mit einem feindseligen Angeklagten: Bedrohliche oder aggressive Äußerungen neutral und vollständig zu übertragen, ohne sie abzumildern und ohne zu eskalieren, erfordert eine emotionale Belastbarkeit, die kein Sprachkurs vermittelt. Sie ist Teil der spezifischen Ausbildung zum Gerichtsdolmetscher.
Die Kontinuität über viele Sitzungen: Fast zwanzig Verhandlungstage in demselben Verfahren bedeuten, terminologische Kohärenz zu wahren, den prozessualen Kontext präsent zu halten und in jeder einzelnen Sitzung volle Konzentration aufzubringen. Das ist eine Arbeit im Hintergrund — für das Publikum unsichtbar, für das Verfahren jedoch unerlässlich.
Warum die Qualifikation des Gerichtsdolmetschers keine Formalität ist
Ein beeidigter Dolmetscher vor deutschen Gerichten ist nicht einfach jemand, der zwei Sprachen beherrscht. Er ist ein Fachmann, der seine Eignung vor dem Oberlandesgericht nachgewiesen hat, der dem Berufsgeheimnis unterliegt und der rechtlich verpflichtet ist, das Gesprochene im Saal getreu zu übertragen. Meine Beeidigung erfolgte durch das OLG Dresden.
Ein Verfahren wie das hier geschilderte zeigt, warum diese Qualifikation keine bürokratische Hürde ist, sondern eine Schutzfunktion hat: für das Gericht, für den Angeklagten, für die Zeugen. Ein Dolmetscher ohne gerichtliche Erfahrung kann unter dem Druck der Verhandlung überfordert werden, terminologische Fehler begehen oder schlicht nicht in der Lage sein, in einem angespannten Umfeld professionell zu bleiben.
Justiz kann nur gerecht sein, wenn die Kommunikation zwischen Angeklagtem und Gericht auf einem soliden Fundament steht. Der Gerichtsdolmetscher ist kein Beiwerk des Verfahrens. Er ist ein unverzichtbarer Bestandteil des Rechts auf ein faires Verfahren.
Pressberichterstattung zum Verfahren
Das Verfahren wurde von der Ostthüringer Zeitung begleitet. Die Originalberichte sind unter folgenden Links abrufbar:
«Schreck am Amtsgericht Jena: Angeklagter holt Rasierklinge aus dem Mund» — OTZ, 27.02.2026
«Wenn Suff strafbar wird: Warum das Amtsgericht Jena wegen Vollrausch verurteilt» — OTZ, 04.06.2026
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